BIS Netzwerk für betriebliche Integration und Sozialforschung e. V.

Konzeptionelle Grundlagen

BIS e.V. versteht sich als Teil einer Reformbewegung, die sich in Deutschland seit Rezeption des Normalisierungsprinzips Ende der 70er Jahre für die selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen einsetzt und mit der Veränderung von Artikel 3 Absatz 3 Satz 2 des Grundgesetzes (1994), dem Inkrafttreten des 9. Sozialgesetzbuches (2001) und mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention durch die Bundesregierung (2009) Meilensteine setzen konnte.

Der von Eric Nils Bank-Mikkelsen in den 1950er Jahren formulierte Leitgedanke, Menschen mit einer geistigen Behinderung „ein Leben so normal wie möglich“ zu ermöglichen, gilt heute unabhängig von der Art der Behinderung und bietet unserer Arbeit eine wichtige Orientierungsgrundlage.

Weil sich die Lebensverhältnisse der Menschen ändern, ändert sich natürlich auch, was in einer Gesellschaft als normal gilt. In unserer pluralistischen Gesellschaft fällt es zudem schwer, einheitliche Standards zu erkennen. Weltanschauliche Vielfalt und die bisweilen kaum miteinander zu vereinbarenden Gewohnheiten unterschiedlicher sozialer Milieus lassen die Vorstellung von einer allgemein gültigen und festgefügten Normalität absurd erscheinen. Andererseits wissen wir aber, dass es viele Menschen mit Behinderungen gibt, die fremdbestimmt leben, als Erwachsene noch wie Kinder behandelt werden, arm sind und sich ein besseres Leben wünschen oder – und dies macht die Sache nicht leichter – sich mit diesem Zustand abgefunden haben, weil er zu ihrer Normalität geworden ist.

Die Frage nach der Normalität führt uns also unmittelbar in die Auseinandersetzung mit persönlichen Vorstellungen, gesellschaftlichen Normen und den sozialen Verhältnissen, in denen Menschen mit und ohne Behinderung leben. Und genau dies ist der aus unserer Sicht wesentliche Punkt. Was Normalisierung im Einzelfall bedeutet, ergibt sich nicht aus einem vorgegebenen und eindeutig definierten Raster, sondern ist aus dem Verhältnis zwischen der Vielfalt des gesellschaftlich Üblichen, den Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung und ihren jeweils individuellen Ansprüchen immer wieder aufs Neue zu bestimmen. Mit dem Normalisierungsprinzip zu arbeiten, heißt zu suchen. Normalisierung zielt nicht auf die Anpassung von Menschen mit Behinderungen an herrschende Normen oder ihre Einpassung in einen vorgegebenen sozialen Rahmen, sondern ist als kreativer Prozess zu verstehen, in dem das uneingeschränkte, selbstbestimmte und gleichberechtigte Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung durch die Veränderung sozialer Verhältnisse alltäglich wird. Im Sinne einer „Pädagogik der Vielfalt“ (Prengel, A. 1993) geht es darum, Heterogenität als Chance zu begreifen und soziale Segregation zu vermeiden.

Inklusion ist dabei in den letzten Jahren zu einem Schlüsselbegriff geworden, durch den sich der Blick auf Menschen mit und ohne Behinderung auch in weiten Teilen der Öffentlichkeit veränderte. Indem die sozio-kulturellen Barrieren, die Menschen bei der Teilhabe an Bildung, am Arbeitsleben und am Leben in der Gemeinschaft behindern, in den Fokus rückten, verlagerte sich der gesellschaftliche Veränderungs- oder Anpassungsdruck vom zur Teilhabe aufgeforderten und um Anerkennung kämpfenden Individuum auf die gesellschaftlichen Institutionen, in denen Teilhabe stattfindet. Lernschwierigkeiten werden damit auch als Lehrschwierigkeiten fassbar und die mangelnde Teilhabe am Arbeitsleben zu einem Problem der Arbeitsorganisation. Fähigkeitsorientierte Arbeitsgestaltung und anforderungsorientierte Qualifizierung sind für BIS e.V. deshalb die zentralen Ansatzpunkte, um Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen betriebliche Ausbildung und sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu ermöglichen.

Bezeichnend für die Arbeit von BIS e.V. ist, dass der Verein nicht über eigene Werkstätten verfügt, in denen abseits der betrieblichen Wirklichkeit gelehrt und gelernt wird. Bereits im Zuge der beruflichen Orientierung wird die Kooperation mit Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes gesucht und praktiziert. Durch kommunikatives auf Verständigung gerichtetes Handeln gelingt es BIS e.V, mit Berufseinsteiger_innen, ihren Eltern, ihren Schulen und integrationsbereiten Unternehmen individuelle Qualifizierungs- und Integrationspläne gemeinschaftlich zu entwickeln und zu realisieren.

Die Konzepte „Unterstützte Beschäftigung“ und „Alltagsbegleitung“ passen mit ihren Zielen und ihrer personenzentrierten Ausrichtung recht gut in diesen Orientierungsrahmen hinein. Ihre Methoden dienen uns als Handwerkszeug zur konkreten Unterstützung von Menschen mit Behinderung im Übergangsfeld zwischen Schule und Beruf.

Unterstützte Beschäftigung „ist ein wertgeleiteter methodischer Ansatz zur beruflichen Integration von Menschen mit Behinderung. Er umfasst die notwendigen Unterstützungsmöglichkeiten, damit Menschen mit und ohne Behinderung unabhängig von Art und Schwere der Behinderung gemeinsam in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarkts arbeiten und lernen können … Unterstützte Beschäftigung ist eine ambulante Organisationsform der beruflichen Rehabilitation und der Unterstützung von Menschen mit Behinderungen im Arbeitsleben“ (Doose, S., 2012, S. 135).

Bei der Suche nach geeigneten Arbeitsplätzen gilt es oft, Tätigkeitsfelder zu finden, in denen es geeignete Arbeit gibt. In der Regel sind diese Bereiche nicht über öffentliche Stellenausschreibungen zugänglich. Aus diesem Grund vollzieht sich die Akquisition von Arbeits- und Ausbildungsplätzen nicht nur als Reaktion auf vorhandene Angebote. Indem gemeinsam mit kooperierenden Firmen nach geeigneten Beschäftigungs- und Ausbildungsmöglichkeiten gesucht wird und gute Passungsverhältnisse zwischen den individuellen Fähigkeiten der Menschen und den betrieblichen Arbeitsanforderungen entwickelt werden, wird im Unterschied zur traditionellen Arbeitsvermittlung aktive Arbeitsmarktpolitik betrieben. Die Abkehr vom sogenannten Modell der „Berufsreife“ ist dabei von zentraler Bedeutung. Aus der traditionellen Reihenfolge „erst qualifizieren, dann platzieren“ wird im Konzept der Unterstützten Beschäftigung der Grundsatz „erst platzieren, dann qualifizieren“.

Alltagsbegleitung sieht eine am individuellen Bedarf orientierte Begleitung auf unterschiedlichen „Karrieresträngen“ vor. Neben den Bereichen Bildung und Beschäftigung werden Unterstützungsleistungen bei finanziellen Angelegenheiten, bei der Freizeitgestaltung, bei Konflikten mit dem Gesetz, bei Wohnproblemen, bei Kontakten mit öffentlichen Einrichtungen, Behörden und Ämtern sowie bei der Gestaltung von sozialen Beziehungen angeboten. Das Konzept der Alltagsbegleitung geht davon aus, dass der moderne Alltag so komplex und „unübersichtlich“ geworden ist, dass junge Menschen mit sozialer Benachteiligung oder mit Lernschwierigkeiten noch nicht genügend „Durchblick“ für eine eigenständige Lebensplanung und deren Umsetzung erworben haben. Alltagsbegleitung soll die sich öffnende Schere zwischen steigenden gesellschaftlichen Anforderungen und den sinkenden Möglichkeiten benachteiligter Jugendlicher, diesen Anforderungen gerecht zu werden, schließen helfen und ist als ein „präventives, auf langfristige Zusammenarbeit angelegtes, komplexes Unterstützungsangebot“ zu verstehen, bei dem es darum geht „mit den jungen Menschen (und deren Umfeld) angemessene und aufeinander abgestimmte Entwürfe für die verschiedenen Bereiche ihres Lebens zu entwickeln und zu erproben, ohne dass sie dabei unnötig behindert, beeinträchtigt oder geschädigt werden“ (Schroeder/Storz ,1994, S. 12).

Die Parallelen beider Konzepte liegen u. a. im Prinzip der Individualisierung von Unterstützungsleistungen, ihrer Nachhaltigkeit und der Vernetzung unterschiedlicher Unterstützungsangebote, wobei „informelle“ oder „natürliche“ Unterstützungspotenziale durch „Paten“ im Betrieb (unterstützte Beschäftigung) oder „engagierte Laien“ im Alltag (Alltagsbegleitung) berücksichtigt werden. Andererseits sind beide Ansätze komplementär. Ist das Konzept der Unterstützten Beschäftigung auf den Arbeitszusammenhang ausgerichtet und in dieser Hinsicht methodisch durchgearbeitet (siehe HORIZON-Arbeitsgruppe, 1995), so bietet das Konzept der Alltagsbegleitung praktische Hinweise und Handreichungen auch für die Hilfe in anderen, zur selbstbestimmten Lebensführung und zur Entwicklung von Lebensqualität bedeutsamen Bereichen (siehe Storz, M. / Stein-Siegle, Chr., 1994; Hiller, G. G., 1997).

Durch die Zusammenführung beider Ansätze haben wir eine praxistaugliche Handlungsgrundlage gefunden, um die Lebensverhältnisse von Menschen mit Behinderungen in Zusammenarbeit mit ihnen und nach Maßgabe ihrer jeweils individuellen Vorstellungen zu verbessern. Unser zentrales Motiv ist dabei die Integration in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse, ohne dass der Zusammenhang mit anderen Handlungsbereichen des Alltagslebens ausgeblendet wird.

Weiterführende Beschreibungen

Joachim Radatz; Ferdinand König; Martina Bausch; Charlotte Petri; Gabriele Humpert-Plückhahn, 2005, Arbeitsweltbezogene Bildungsbegleitung im Übergangsfeld zwischen Schule und Beruf, in: impulse Nr. 36, S. 23 – 33.
URL:  http://bidok.uibk.ac.at/library/imp-36-05-radatz-bildungsbegleitung.html#id2970438

Joachim Radatz; Antje Ginnold, 2003, Die Bedeutung von Selbst- und Fremdeinschätzung im beruflichen Integrationsprozess, in: Georg Feuser (Hrsg.), Integration heute – Perspektiven ihrer Weiterentwicklung in Theorie und Praxis, Frankfurt/M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2003, S. 237 – 255.
Dokument:  Bedeutung von SE_FE 2003 (PDF-Datei, 75 kByte)

Manfred Gehrmann; Joachim Radatz, 1997, Stigma-Management als Aufgabe von Integrationsfachdiensten für Menschen mit Lernschwierigkeiten, in: „Gemeinsam leben“ Zeitschrift für integrative Erziehung, 5. Jahrgang, Juni 1997, S. 66 – 72.
URL:  http://bidok.uibk.ac.at/library/gehrmann-stigma.html